Eine Reise

Es kribbelt im Bauch, dann steigt die Maschine nicht mehr höher und beginnt ihre Reise parallel zur Wolkendecke, die sich Kilometer unter uns erstreckt. Sie reflektiert die Sonne und scheint regelrecht zu leuchten. Mit dem Ende des Steigflugs hört normalerweise auch das Kribbeln auf, doch diesmal irgendwie nicht.

„Film das!“ Die Stimme kommt von Kevin, seines Zeichens Regisseur. Gemeint sind ebendiese sonnendurchfluteten Wolken und gerichtet ist die Aufforderung an Tony, Kameraassistenz.

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Deswegen hört das Kribbeln auch nicht auf. Es ist nicht das Startkribbeln sondern die Vorfreude, die Ungewissheit, die Spannung und Anspannung. Ein Monat Indien – 40 Minuten Abenteuer-Film und eine Dokumentation über das Film-Abenteuer, das hat unser 14-köpfiges Team vor.

Tony schnappt sich also seine DSLR und schießt aus dem Fenster. Was für ein Shot das jetzt ist, ob für Film, Doku, Making-of oder die Katz’, das weiß er selbst nicht. Genau genommen weiß das keiner so genau, auch nicht das Regie-Duo der Schmutzler-Brüder Kevin und Tobias. Das soll keinesfalls nach Blindflug klingen, sondern vielmehr die Einzigartigkeit dieses zwei-in-eins Projektes zeigen: Die Geschichte, die der Protagonist des Films, David, erlebt, entspricht unserer eigenen als FilmCrew.

David ist ein Bankangestellter Mitte zwanzig, der beschließt, aus der Maschinerie des Alltags in Deutschland auszubrechen. Mit dem Gedanken, „da ’nen Brunnen zu bauen, oder so“, fliegt er nach Indien und stellt dort fest, dass er nicht einfach einen Spaten in die Hand nehmen und zu buddeln anfangen kann. Naiv, dieser David. Ob auch hier eine Parallele zwischen Protagonist und Filmemachern besteht, können wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht sagen. Fakt ist aber, dass auch wir das Abenteuer suchen. Weg von Studienalltag und Studentensets und „unser Ding“ einfach machen! Soweit zumindest der Plan. Fakt ist nämlich auch, dass es unzählige Hürden zu meistern gibt, tausende Umstände, unter denen wir einen ganzen Haufen Budget in den Sand setzen und nur mit einem hübschen Urlaubsvideo zurückkommen könnten. Aber hey, no problem, man ist ja Optimist!

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Delhi Airport, fünf Uhr morgens. Die Einreisedokumente sind ausgefüllt und ein Teil unserer Gruppe macht sich mitsamt Equipment auf zum Zoll, ganz wie es uns von vielen Filmemachern geraten wurde und wie es ganz nebenbei das Konsulat auch vorschreibt. Dort angekommen heißt es aber nur „no problem, you don’t need“ und wir spazieren ohne Kontrolle aus dem Flughafen. Und hey, no problem, es fehlt nur eines von 36 Gepäckstücken. Für Maskenbildnerin Kati war das Aufspüren ihres zwischen Berlin und Delhi hin-und herreisenden Koffers ein eigenes Abenteuer, zum Rückflug hat sie ihn schließlich zurückerhalten.

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Das Technik-Equipment auf die Dächer unserer Tourist-Autos geschnallt, geht es für uns von Delhi hunderte Kilometer Richtung Süden nach Bharatpur. Wenn das mal die Versicherung gesehen hätte… Drei indische, also sechs bis acht europäische Stunden später – an diese Zeitumrechnung würden wir uns noch gewöhnen müssen – erreichen wir das Swaraj Resort. Nach der sechsten Stunde Fahrt hat auch das ununterbrochene Ausschütten von Adrenalin aufgrund der indischen Verkehrsmentalität aufgehört und der Kulturschock nachgelassen, sodass alle vom mit-aufgerissenen-Augen-Dasitzen erschöpft sind. Dann aber reißt die ganze Crew am Abend doch noch einmal die Augen auf, als sie „the biggest pool of Bharatpur“ im Resort sieht, in dem der Tag dann beim Schwimmen in Monsun und Gewitter ausklingt.